Das Deutsche Viertel Newski 22-24

Die deutschen Lutheraner aus St. Petersburg- eine besondere und facettenreiche Seite der russischen Geschichte.

 

 

 

 

 

Die ersten Zuwanderer aus Deutschland sind mit der Gründung der Stadt, an den Ufern der Newa erschienen. Peter I. lud gerne Fachkräfte aus Westeuropa zu sich nach Russland ein, diese Politik haben auch seine Nachfolger des russischen Thrones fortgesetzt. Allmählich bildet sich in St. Petersburg eine Gemeinde von Menschen, welche die gleiche Sprache, die gleichen Traditionen und die gleiche religiöse Zugehörigkeit haben, nämlich die evangelisch-lutherische Kirche und ihre Anhänger.

Die erste Welle der Immigration aus den deutschen Fürstentümern wird um das Jahr 1720 datiert. Neben dem nicht abnehmenden Strom der Deutschen des mittleren Standes kommen vermehrt  auch gelehrte Menschen nach Russland. Iim18. Jh. waren 111 aktive Mitglieder an der Akademie der Wissenschaften, unter denen  67 deutsche Wissenschaftler.

Die zweite mächtige Welle der Immigration fällt auf die Mitte der 1730er Jahre – zu dieser Zeit herrschte Anna Ioannowna. In Russland siemap_caitdelt sich zu dieser Zeit eine ganze Reihe von Adligen und deren Familien an. Die bedeutenden Ströme der Auswanderung zeichnen sich in der Herrschaftszeit von Katharina II. ab, diese war geborene Prinzessin von Anhalt-Zerbst. Im Jahre 2013 wird das 250-jährige Jubiläum des Manifestes zur Anliedlung der Ausländer in Russland zelebriert. Jedoch hörte unter Paul  I. der Einwanderungsprozess hingegen auf.

Zum Ende des18. Jh. war die deutsche Gemeinde in St. Petersburg sehr zahlreich vertreten — die Deutschen bildeten fast die Hälfte aller Ausländer.Aus diesem Umfeld entstehen nachher nicht wenige Staatsmänner, Gelehrte, Architekten, Führungskräfte des Militärs, Bankier, Unternehmer und Fabrikanten. Zu der deutschen Gemeinde in Petersburg zählen zu Anfang des 19. Jh. mehr als 50 000 Menschen. Unter ihnen kann man Vertreter des Adels finden, sowie diverse Kaufleute aber auch das Kleinbürgertum ist vertreten. Eine typisch deutsche soziale Schicht waren zu der Zeit Ärzte, Apotheker und Bäcker. Um Sankt Petersburg siedeln sich die deutschen Kolonisten an. Um St.Petersburg siedelten sich Detusche in Kolonien an, deren Zahl bis auf 23 zunahm. Ihre Rolle wurde in der Entwicklung und der Versorgung der Lebenszyklen der Stadt bis zum Jahre 1917 immer bedeutsamer.Durch die Aufhebung  der Kolonien wurden die  Kolonistennachkommen auf dem sowjetischen Raum zu Anfang der 1940-er Jahre zerstreut.

Der Zweite Weltkrieg ist zweifellos die sonderlichste Seite des Lebens der Deutschen in Russland. Die deutschen Familiennamen wurden für viele schicksalhaft.Die Deportation, die Repression und die Rückführung haben sich als Schicksale mehrerer Generationen der deutschen Familien hinweg gezogen. Aus dem Gedächtnis wurde das deutsche Leben in St. Petersburg bis Ende 1980/ Anfang 1990 gelöscht.

Zur Zeit vereint das Gebäude der Kathedrale der heiligen Apostel Petrus und Paulus das Leben der Deutschen. Der evangelisch-lutherischen St.Petri und St.Annen Gemeinde stehen noch die Kanzlei des Erzbischofes und die Stiftung zur Förderung und Entwicklung der deutsch-russischen Beziehungen „Deutsch-Russisches Begegnungszentrum » bei.

Die Kanzlei des Erzbischofes

·         gilt als Residenz des Erzbischofes der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland, der Gottesdienst in der Kathedrale der heiligen Apostel Petrus und Paulus zu wichtigen kirchlichen Festlichkeiten oder anlässlich der allgemeinen kirchlichen Begegnungen, wie Sitzungen der Generalsynode, des Generalkonsistoriums und des Erzbischofsrates hält;

·         dient als Verwaltungsorgan der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland, zweier Kirchengebiete, zum einen – den europäischen Teil Russlands und dem Ural, zum anderen – Sibirien und dem Fernen Osten;

·         verwaltet das kirchliche Areal und ermöglicht den alltäglichen kirchlichen Ablauf;

·         pflegt und schützt das föderale Architekturdenkmal;

·         sichert die Durchsetzung der Projekte des Bundes der Evangelisch-Lutherischen Kirchen in Russland, in der Ukraine, Kasachstan, Kirgistan, Usbekistan, Georgien;

·         organisiert kirchliche PR-Aktivitäten und ermöglicht diverse Publikationen.

Die St. Annen und St.Petri Gemeinde in der Petrikirche

Die St. Petrigemeinde, später auch St. Annengemeinde,   vereinigte ursprünglich alle Lutheraner  deutscher Herkunft. Da sie bereits ihr  300. Bestehensjubiläum feierte,  öffnet  sie heutzutage ihre Pforten für Gläubige aller Nationalitäten. Die Geschichte der Gemeinde ist dicht mit der Stadtentwicklung verknüpft. Aufgebaut in der ersten Hälfte des XIX. Jh. nach dem Entwurf von Architekten Alexander Brüllow, hatte die Petrikirche ihre Funktion als die lutherische Hauptkirche  im Russischen Reich. Sie überstand Jahre der Verfolgung während der Sowjetmacht, die Schließung folgte dennoch   im Jahre 1937, zudem verkraftete sie einen  „Wasserversuch“ in den 60-er Jahren des XX. Jh., der sie als Schwimmbad umfunktionieren sollte. Heutzutage ist die Petrikirche wieder ein Gotteshaus, in dem die lutherische Gemeinde mit ihren etwa 300 Mitgliedern das kirchliche Leben wieder aufgenommen hat. Jeden Sonntag um 10.30 Uhr beginnt der Gottesdienst in der Petrikirche.

Die St. Annen und St. Petri Gemeinde veranstaltet Konzerte und nimmt an verschiedenen Wohltätigkeitsprojekten aktiv teil. Darüber hinaus pflegt  sie einen  intensiven Austausch zu anderen lutherischen Gemeinden in Russland. Täglich ist sie für Besucher von 9.00 bis 21.00 Uhr geöffnet.

 Petrischule

Hinter der Petrikirche befindet sich die allgemeinbildende Mittelschule № 222 (Petrischule), einst eine „Deutsche Hauptschule“. Das Schulgebäude wurde 1762 (Architekt M.Hoffmann) im petrinischen Barockstil aufgebaut. Pastor Doktor A. F. Büsching  wurde im Jahre 1763 zum  ersten  Direktor der Schule  ernannt. Katharina II.  bewilligte 1764 den Schülern der  Petrischule  steuerliche  Schulprivilegien. Hier lernten die Kinder verschiedener Nationalitäten, spätere prägende russische Kulturpersönlichkeiten, wie K.Rossi, M.Mussorgski, A.Benua, P.Lesshaft, K.Rauchfuß und andere. Die Petrischule feierte bereits  ihr 300. Bestehensjubiläum. Traditionsgemäß hat die Petrischule ab 1993 ihren erweiterten Deutschunterricht  in  Kooperation  mit dem Projekt » DSD — Schulen » aufgenommen.

Vorplatz und Vorhalle der Petrikirche (Haupteingang der Petrikirche, Erdgeschoss)

Das deutsche Viertel am Newski 22 – 24 stellt ein einheitliches architektonisches Denkmal, sowie ein deutsches kulturelles, bildendendes, evangelisch -  lutherisches Zentrum in Sankt Petersburg dar. Das Viertel befindet sich auf dem Grundstück, welches 1727 von Peter  II. an die deutsche lutherische Gemeinde zum Aufbau einer Kirche geschenkt wurde. Das Gebäude der Petrikirche in der Mitte des Vorplatzes (1833–1838,  Archiktekt Alexander Brüllow) wurde im Stil des romantischen Klassizismus erbaut, was an die romanische Architektur der Sakralbauten in den westeuropäischen Ländern des X.–XI. Jh. erinnert. Die  Hauptfassade der Kirche wurde durch die Loggia und 4 Hochreliefs mit Darstellungen der  Evangelisten verziert (1836, Bildhauer T.Jaque). Der Mittelteil der Hauptfassade wird durch die Figur eines knieenden Engels  mit einem Kreuz in den Händen auf der Attika zwischen den Türmen gekrönt (1838, Bildhauer J.Herrmann). An den herausragenden Türmen  wurden zwei identische Zifferblätter eingebaut, eins – mit einem Uhrwerk (1837, Uhrenmeister Ditmar), das andere stellte bis 1938 eine Sonnenuhr dar. Seit 1864 befinden sich zwei Glocken in einem der Türme, welche in Bochum gegossen wurden, und die zum 25. Bestehensjubiläum  der Petrikirche geläutet wurden. Am Haupteingang der Kirche wird man von zwei Carrara-Marmorstatuen der Apostel Petrus und Paulus (1834, ital. Bildhauer A.Trisconi) und von zwei nach den Zeichnungen von A.Brüllow gefertigten Laternen empfangen. Die Vorhalle der Petrikirche sollte ursprünglich im Sinne der romanischen Kirchen des Südeuropas erbaut werden. Aber 1851 wurde die Vorhalle durch eine massive Eichenholztür, angefertigt nach den Zeichnungen von H.Bosse, verschlossen. Im Zeitraum von 1955 bis 1963 wurde  die Kirche in ein Schwimmbad umgewandelt. In den Kellerräumen befindet sich bis heute ein Schwimmbecken, das den Zugang zum Kirchensaal vom Erdgeschoss trennt, deshalb führt der Eingang zum Saal über eine Wendeltreppe. Das Portal im gotischen Stil (1896, Architekt M.Mesmacher) in der Vorhalle war während der Schwimmbadzeit in eine Holzverkleidung gehüllt. Nach der Freilegung und Restaurierung im Jahre 2000 wurden Schnitzereien, Vergoldungen und polychrome Malereien entdeckt. In der Vorhalle  befindet sich auch eine Ausstellung „Die Leningrader Deutschen – bevor und danach“. Sie entstand  2012 zum 70. Gedenkjahr an die Deportation der Deutschen von Leningrad im Rahmen des wissenschaftlichen aufklärenden Projektes „Die Leningrader Deutschen: Schicksale der Kriegsgenerationen“ unter Leitung von Dr.Hist.I.Tscherkasjanowa. Dieselbe Autorin widtmete den Informationsstand dem  250. Jubiläumsjahr des Manifestes „allen Ausländern zu verstatten, in Unser Reich zu kommen, um sich in allen Gouvernements, wo es einem jeden gefällig, häuslich niederzulassen“. Im Jahre 1999  wurde ein Goethe-Denkmal zum 250. Geburtsjahr des Dichters im Vorplatz der Kirche enthüllt (Bildhauer L. Lasarev).

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    • Russland, St.Peterburg, Newski Prospekt 22-24