St.Petrikirche

Die Gründung der lutherischen Gemeinde in Sankt Peterburg fällt beinahe mit der Gründung der Zarenstadt zusammen. Schließlich schenkte Zar Peter II. der Gemeinde ein Grundstück auf dem heutigen Newskij Prospekt. Im Jahr 1728 begann der Bau der lutherischen Steinkirche unter Leitung von Baumeister Schumacher. Für den Tag der Grundsteinlegung wurde der Gedenktag an die Apostel Petrus und Paulus gewählt. die Kirche konnte nach nur zweijähriger Bauzeit am 14./25. Juni eingeweiht werden. Der Innenausbau der Kirche, der reich mit Gold verziert war, wurde 1738 fertiggestellt. Als Juwel der Kirchenausstattung galt aber das Altarbild „ Jesus mit den ungläubigen Thomas und seinen Jüngern» von Hans Holbein.

Seit dem Jahr 1815 beschäftigte sich der Kirchenrat immer wieder mit der Neugestaltung des Kirchenbaus. Nach langwierigen Verhandlungen wurde der Entwurf von Alexander Brüllow 1833 verwirklicht. Das alte Kirchengebäude wurde abgerissen und innerhalb von nur fünf Jahren die neue St. Petrikirche unter Leitung des Kirchenrates errichtet. Die unmittelbare Bauleitung übernahm der Architekt Georg Zollikofer. Nach der Einweihung am Reformationstag 1838 fanden 3000 Menschen in der Kirche Platz. Im Jahr 1835 wurde der Bau einer Orgel in Auftrag gegeben werden. Der Orgelbauer

Der erste Weltkrieg sowie die Revolution 1917 sollten eine tragische Wende der Geschichte der lutherischen Gemeinde markieren. Unter der Regierung der Sowjetmacht wurde die Kirche 1938 geschlossen.
Im Jahr 1955 wurde im Stadtrat entschieden, dass die Kirche in ein Schwimmbad umgebaut werden soll, welches 1963 eröffnet wurde. Das Schwimmbad erfreute sich von Anfang an großer Beliebtheit. Zum einen lag es mitten im Zentrum, zum anderen fanden hier neben regelmäßigen Sportwettkämpfen auch Familienschwimmfeste statt.

Nachdem Ende der Sowjetunion wurde das Gebäude wieder an die lutherische Kirche zurückgegeben. Der Wiederaufbau der Kirche sollte sich aber als sehr schwierig gestalten, da bei einem erneuten Umbau statische Probleme auftraten.
Das renovierte Gotteshaus steht seinen Gläubigen nun offen. Das Becken des Schwimmbades kann man sich auch heute noch ansehen. Unter dem Platz, wo ehemals der Sprungturm stand, befindet sich der Chorraum der Kirche. Hier ist ein kleiner Andachtsraum entstanden, der von dem russlanddeutschen Maler Adam Schmitt ausgestaltet wurde.

Heute ist die 350 Mitglieder umfassende Petrigemeinde wieder lebendig und aktiv. Viele der Gemeindeglieder sind Deutsche aus anderen Teilen der ehemaligen Sowjetunion: Russlanddeutsche, die nach 1990 vor allem aus Kasachstan und Sibirien nach Sankt Petersburg kamen.

Artikel aus der Zeitung «Die Zeit», September 2012…

Vorhalle

Das deutsche Viertel am Newski 22 – 24 stellt ein einheitliches architektonisches Denkmal, sowie ein deutsches kulturelles, bildendendes, evangelisch -  lutherisches Zentrum in Sankt Petersburg dar. Das Viertel befindet sich auf dem Grundstück, welches 1727 von Peter  II. an die deutsche lutherische Gemeinde zum Aufbau einer Kirche geschenkt wurde. Das Gebäude der Petrikirche in der Mitte des Vorplatzes (1833–1838,  Archiktekt Alexander Brüllow) wurde im Stil des romantischen Klassizismus erbaut, was an die romanische Architektur der Sakralbauten in den westeuropäischen Ländern des X.–XI. Jh. erinnert. Die  Hauptfassade der Kirche wurde durch die Loggia und 4 Hochreliefs mit Darstellungen der  Evangelisten verziert (1836, Bildhauer T.Jaque). Der Mittelteil der Hauptfassade wird durch die Figur eines knieenden Engels  mit einem Kreuz in den Händen auf der Attika zwischen den Türmen gekrönt (1838, Bildhauer J.Herrmann). An den herausragenden Türmen  wurden zwei identische Zifferblätter eingebaut, eins – mit einem Uhrwerk (1837, Uhrenmeister Ditmar), das andere stellte bis 1938 eine Sonnenuhr dar. Seit 1864 befinden sich zwei Glocken in einem der Türme, welche in Bochum gegossen wurden, und die zum 25. Bestehensjubiläum  der Petrikirche geläutet wurden. Am Haupteingang der Kirche wird man von zwei Carrara-Marmorstatuen der Apostel Petrus und Paulus (1834, ital. Bildhauer A.Trisconi) und von zwei nach den Zeichnungen von A.Brüllow gefertigten Laternen empfangen. Die Vorhalle der Petrikirche sollte ursprünglich im Sinne der romanischen Kirchen des Südeuropas erbaut werden. Aber 1851 wurde die Vorhalle durch eine massive Eichenholztür, angefertigt nach den Zeichnungen von H.Bosse, verschlossen. Im Zeitraum von 1955 bis 1963 wurde  die Kirche in ein Schwimmbad umgewandelt. In den Kellerräumen befindet sich bis heute ein Schwimmbecken, das den Zugang zum Kirchensaal vom Erdgeschoss trennt, deshalb führt der Eingang zum Saal über eine Wendeltreppe. Das Portal im gotischen Stil (1896, Architekt M.Mesmacher) in der Vorhalle war während der Schwimmbadzeit in eine Holzverkleidung gehüllt. Nach der Freilegung und Restaurierung im Jahre 2000 wurden Schnitzereien, Vergoldungen und polychrome Malereien entdeckt. In der Vorhalle  befindet sich auch eine Ausstellung „Die Leningrader Deutschen – bevor und danach“. Sie entstand  2012 zum 70. Gedenkjahr an die Deportation der Deutschen von Leningrad im Rahmen des wissenschaftlichen aufklärenden Projektes „Die Leningrader Deutschen: Schicksale der Kriegsgenerationen“ unter Leitung von Dr.Hist.I.Tscherkasjanowa. Dieselbe Autorin widtmete den Informationsstand dem  250. Jubiläumsjahr des Manifestes „allen Ausländern zu verstatten, in Unser Reich zu kommen, um sich in allen Gouvernements, wo es einem jeden gefällig, häuslich niederzulassen“. Im Jahre 1999  wurde ein Goethe-Denkmal zum 250. Geburtsjahr des Dichters im Vorplatz der Kirche enthüllt (Bildhauer L. Lasarev).

Katakomben der Petrikirche

Nach der Übergabe des Gebäudes im Jahre 1995 an die Baltische Schifffahrtgesellschaft  hat der Umbau der Petrikirche in das Schwimmbad begonnen. Zu der Zeit war die Innenausstattung und  Wandmalerei von Mesmacher bereits vernichtet, der Altarbereich wurde zerstört, unberührt gelassen wurde aber der wunderschöne Kirchenraum, seine Gewölbe auf den wohlgebauten Pylonen aus Granit und das Portal im Vorraum. Im April 1963 wurde dann das Schwimmbad eröffnet.

Das Schwimmbecken mit zwei 10-Meter hohen Sprungtürmen im Altarbereich haben den Hochbau des Schwimmbades verursacht (25 m x 12,5 m).  Unten befanden sich technische Sanitäre — und Luftanlagen.  Am Eingang im Vorraum wurden die Garderobe und die Toiletten untergebracht, die Duschkabinen   - unter den Tribünen  und im Anbau im ersten Stock. Auf den Tribünen war Platz für 800 Zuschauer. Die Lichtanlagen wurden an den Granitpylonen angebracht, für die Sprungtürme gab es eine besondere Beleuchtung. Nach der Zurückgabe des Gebäudes an die Gemeinde 1993 wurde die Kirche umgebaut, aber das Betonreservoir konnte nicht abgebaut werden, weil die Statik des Hauses dadurch beschädigt werden konnte und das Gesamtkonstrukt zusammenbrechen würde.  Nun ragt im Zentrum ein Betonviereck des Schwimmbeckens empor, durchbohrt mit Stahlkonstruktionen. Darauf liegt der Kirchensaal. Aus dem Kellerraum wurden zahlreiche Säcke mit Chlor in 50 Container abgeräumt. Schlussendlich enthüllte man einen wunderschönen Innenraum mit Gewölben und den früher verborgenen Säulenfüßen auf dem ehemaligen Fundament des Kirchensaales und Kellerraumes. 2007 rückte die Kirche  in das Blickfeld von dem amerikanischen Künsler Matt Lamb. In dem gleichen Jahr hat er und seine Mitstreiter die Wände des Kellerraumes mit christlichen Motiven geschmückt unter dem Motto „Liebe, Freiheit, Frieden!“. Unter dem Altarbereich wurden eine Andachstkapelle und ein Gedenkkreuz eingerichtet. Überall liegen Regenschirme als Metapher vom Geborgensein des Menschen. Der Kellerraum, der früher Angst erregte, ist nun mit Hoffnung durchflutet. Seit der Zeit sprechen wir über die „Katakomben“.

Die Wände der Kapellen hat der eingeladene russlanddeutsche Künsler Adam Schmidt mit 86 Jahren dekoriert. Geboren in der deutschen Kolonie in Nowosaratowka bei St. Petersburg, hat Schmidt das Schicksal seiner Generation teilen müssen: Deportation, Arbeitslager, Flucht und Stalins Gefängnis. In den 1970-er Jahren hat er und seine Familie endlich seine neue Heimat in der Stadt Jaroslawl gefunden. Als ein absolutes Gegenteil von  Matt Lamb hat er eine Bilderreihe im akademischen Stil geschaffen: Verhaftung in der Wohnung, die Entweihung der Kirche, Gefangenenzüge und Verhaftung, „Arbeitsarmee“, geheime Andacht der Brüderschaft zu Hause und  Arbeitslager in Workuta.

Der Kellerraum der Schwimmbadkirche, zu der gleichen Zeit auch der Kathedrale der evangelisch-lutherischen Kirche Russlands (ELK) als Zeuge und Symbol der Enteignung des Gebetshauses, ist ein deutliches Zeichen der Unterdrückung und des Glaubensschicksals in der atheistischen Sowjetzeit in Russland des 20. Jahrhunderts geworden und dient als Gedenkstätte an Opfer der Vertreibung, Repressionen und Kriege.
 

Kirchensaal der Petrikirche

Im Jahre 1937 wurden in Leningrad  eine Kirche nach der anderen geschlossen. Mehrere wertvolle Gegenstände, wie Glasfenster, wertvolles Inventar und Gemälde aus der Petrikirche wurden an die Ermitage und an das  Russische Museum übergeben. Das Gebetshaus wurde offiziell im Juni 1993 den Gläubigen zurück gegeben, im Jahre 1997 fand die Wiedereinweihung der Petrikirche statt.

Nach den Umbauarbeiten 1997 hat sich die Innenausstattung des Kirchensaales bautechnisch verändert. Das Gewölbe, die Pylonen und die Wände wurden restauriert. Die Tribünen aus der Schwimmbadzeit wurden erhalten. Der neue Keramik- Fussboden liegt nun 4 Meter höher als der ursprüngliche Fussboden. Darunter befindet sich die Betonwanne des Schwimmbeckens. Der Saal ferfügt über ca. 1200 Sitzplätze. Links im Altarbereich findet man  eine Lehrsorgel, die vom Institut für Kirchenmusik Herford (Deutschland) geschenkt wurde, denn die ursprüngliche Orgel (Firma Walker, 1840) wurde 1939 abgebaut und ist seitdem spurlos verschwunden. Der Kirchensaal ist mit romanisch-gotischen Profilen gefüllt und nimmt praktisch den gesamten Kirchenraum in Anspruch. Der Baumeister A.Brüllow teilte den Saal mit Säulen und bildete somit das zentrale Kirchenschiff und die Seitenschiffe mit Emporen. Dreirangige Seitengalerien hielten leichte Säulen aus Gußeisen und gewölbeartige Oberteile. Im Saal herrschte die minimale dekorative Ausstattung: bögenförmige romanische Deckenewölben und symmetrische glatte hellgelbe Wände. Die Höhe des Raumes betrug 18,4 m, die Gesamtfläche des Raumes – 924,5 m² und diese Dimensionen ermöglichten 3 000 Plätze für Gläubige. 1838 schmückte den Saal der prunkhafte zweistöckige Barockaltar (1779, Meister Schumacher), wo 1836 das „Kruzifix“ (Maler Karl Brüllow) als Altarbild eingebaut wurde. 1938 wurde das Bild in das Russische Museum verlagert. Seit 2006 schmückt den Raum eine Kopie vom Altargemälde. Vor der Schließung wurde die Kirche zweimal renoviert. Im Jahre 1883 hat der Architekt R.B.Bernhardt die Querzugstangen installiert, die die Zerrung der Statik verhindern sollten. Die Petrikirche, in der ursprünglich Farbenkontraste und Vergoldung gemieden wurden, hat ein neues Bild in den 1890-er Jahren gewonnen. Die Bemalung von Mesmacher an den Wänden, Gewölben, Deckenbögen mit gothischen, reneccanceartigen, griechischen Motiven machten einen byzantinischen prunkhaften Eindruck. Heute kann man einzelne konservierte Malereiauszüge bewundern.

Im oberen Geschoss befindet sich die Bildungsausttellung „Deutsche Kolonie in Strelna bei St.Petersburg (dem 200-jährigen Gründungsjahr gewidmet), die 2010 nicht nur dank Bemühungen professioneller Historiker, aber auch Heimatkundler und Nachkommen der deutschen Kolonisten entstanden ist. Sie haben Fotos, Dokumente aus Familienarichiven als richtige Schätze zur Verfügung gestellt. Die Ausstellung besteht aus 13 themenbezogenen Infoständern, die die Entstehungsgeschichte, Entwicklung, Vernichtung und Versuche zur Wiederbelebung der Deutschen Kolonie in Strelna darstellen. Die Ausstellung und der Katalog dazu wurde von Dr.Hist.Irina Tscherkasjanowa konzipiert.

 

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    • Russland, St.Peterburg, Newski Prospekt 22-24