Deutsche in und Deutsche aus Russland – Erfolgreicher Start der Veranstaltungsreihe #RusslandDeutschModern

Deutsche in und Deutsche aus Russland - Erfolgreicher Start der Veranstaltungsreihe #RusslandDeutschModern

Das drb hat die neue Veranstaltungsreihe #RusslandDeutschModern erfolgreich gestartet. Sie richtet sich speziell an junge Russlanddeutsche aus St. Petersburg. Die ersten beiden Online-Veranstaltungen beschäftigten sich sowohl mit Deutschen in Russland als auch mit Deutschen aus Russland. 

“Oft sprechen wir im drb über die verdienstvolle Vergangenheit oder über die Leiden der Deutschen in Russland. Die Veranstaltungsreihe #RusslandDeutschModern  ist aber ein neuer Blick in die aktuelle Situation, sowie in die Zukunft. Ich finde es spannend und hoffe, daß ausgerechnet junge Teilnehmende uns dabei unterstützen werden”, so Arina Nemkowa, die Stiftungsleitung.

Im Online-Workshop “Deutsch? Russisch? Russlanddeutsch? Что это значит?” am 28. November 2020 diskutierten die Teilnehmenden über die Geschichte, Kultur und Identität der Russlanddeutschen. Sie setzen sich mit dem Konzept der ethnischen Identität auseinander und verfolgten zurück, welche Bedeutung die deutsche Abstammung für Russlanddeutsche von der Ansiedlung im Russischen Reich bis heute hatte bzw. hat. Gemeinsam überlegten die Teilnehmenden, was typisch Deutsch und was typisch Russisch ist. Aufbauend darauf diskutierten sie, was “Russlanddeutsch” eigentlich bedeutet. Genaue Definitionen dieser drei Kategorien zu finden, ist schwer oder sogar unmöglich. Versuche dessen basieren meist auf Stereotypen. Leichter ist es, über konkrete Traditionen, Feste und Gerichte zu sprechen, die unter Russlanddeutschen verbreitet sind. Die Teilnehmenden tauschten sich darüber aus, welche Rolle diese in ihrem Leben einnehmen. Die persönliche Bedeutung sowie das Bewusstsein für und das generelle Wissen über die eigene Geschichte ist von Mensch zu Mensch, von Teilnehmendem zu Teilnehmendem ganz unterschiedlich ausgeprägt. Anknüpfend an den Austausch während des Workshops regte er die Teilnehmenden zur weiteren Beschäftigung mit russlanddeutscher Geschichte, Kultur und Identität sowie zu weiteren Nachforschungen über die eigene Familiengeschichte an. 

Bereits am 10. Dezember wurde die Veranstaltungsreihe mit der Online-Diskussionsrunde “Zwischen zwei Kulturen – Russlanddeutsche (Spät-)AussiedlerInnen in Deutschland” fortgesetzt. Diesmal richtete sich der Blick auf Deutschland und die Deutschen aus Russland. Mit dem Experten für postsowjetische Migration, Prof. Jannis Panagiotidis, vom Research Center for the History of Transformations (RECET) der Universität Wien und der Vertreterin der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e.V., Albina Baumann diskutierten wir über das Leben russlanddeutscher (Spät-)AussiedlerInnen seit der Ankunft in Deutschland bis heute, über ihre Selbstverortung und Community sowie über die jungen Generationen. 

Jannis Panagiotidis führte in das Thema des Abends ein, indem er erklärte, dass seit den 1970er und verstärkt ab den 1990er Jahren insgesamt rund 2,5 Millionen (Spät-)AussiedlerInnen aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen bzw. in die Heimat ihrer Vorfahren – der deutschen SiedlerInnen, die sich insbesondere im 18. Jahrhundert im Russischen Reich angesiedelt hatten – zurückgekehrt sind. Albina Baumann ergänzte, dass die (Spät-)AussiedlerInnen mit unterschiedlichen Erwartungen nach Deutschland gezogen sind. Basierend auf ihrer Repressions- und Deportationserfahrung wünschten sich viele, frei als Deutsche in Deutschland leben zu können. Andere ohne solch starke Identifikation als Deutsche motivierte der Wunsch nach einem besseren Leben(sstandard). Teils wurden Erwartungen nicht erfüllt, da Deutschland entgegen der Imagination mancher eben kein Schlaraffenland war und die Migration verbunden etwa mit begrenzten Deutschkenntnissen große Herausforderungen mit sich brachte. 

Nicht nur die Erwartungen sind unterschiedlich, sondern auch die Selbstverortung, so Baumann. Panagiotidis stimmte zu, dass sich (Spät-)AussiedlerInnen je nach Kontext unterschiedlich – als Deutsche oder als Russen – verorten. Einige mussten die Erfahrung der sogenannten “Doppelten Fremdheit” machen: In der Sowjetunion galten sie als Deutsche, in Deutschland werden sie als Russen wahrgenommen. Aus Trotz gegen diese fehlende Anerkennung versuchen manche dieser Fremdzuschreibung bewusst zu entsprechen, indem sie sich in manchen Kontexten explizit als Russen bezeichnen, so Panagiotidis. Baumann stellte heraus, dass es im Hinblick auf diese Kategorien – Deutsch oder Russisch – kein Entweder-oder gibt, sondern nur ein Sowohl-als auch. Jeder Mensch trägt vielfältige Prägungen in sich, die es gelte zu verbinden, anstatt gegenüber zu stellen. 

Im Einklang mit den Ergebnissen des vergangenen Workshops unterstrich Panagiotidis, dass “Russlanddeutsch” auch für Russlanddeutsche selbst schwer zu definieren ist. Schwierig ist es insbesondere, den Begriff positiv zu fassen und nicht allein mit der geteilten Erfahrung der Repression in Verbindung zu setzen. Besonders die junge Generation, die im Gegensatz zu ihren Eltern und (Ur-)Großeltern keine eigenen Erfahrungen der Repression in der Sowjetunion machen musste, stellt dies vor Herausforderungen. Junge Russlanddeutsche setzen sich durchaus mit ihrer eigenen Identität auseinander und suchen nach neuen Deutungen des Russlanddeutschen, so die Forschungsergebnisse Panagiotidis’.

Charakteristisch für russlanddeutsche (Spät-)AussiedlerInnen ist zweifellos der enge Bund innerhalb der Familien, so Baumann. Die Familien bleiben oft gemeinsam in den Regionen leben, in denen sie sich angesiedelt haben, pflegen enge Beziehungen auch zu entfernten Verwandten und begehen große Familienfeste. Die Community der russlanddeutschen (Spät-)AussiedlerInnen ist entlang dieser Familienbeziehungen strukturiert. Die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland – die Selbstorganisation und Interessenvertretung der russlanddeutschen (Spät-)AussiedlerInnen – spielt durchaus eine Rolle, aber eher bei den älteren Generationen. Die Jüngeren organisieren sich online in Sozialen Netzwerken, wobei sie teils auf russische Plattformen wie Odnoklassniki zurückgreifen, ergänzte Panagiotidis.

Die Diskussionsrunde endete mit den Fragen aus dem Publikum. Dabei wurde nicht nur der Vergleich zwischen den Deutschen aus und in Russland gezogen, sondern auch der Wunsch nach einem stärkeren Austausch zwischen diesen geäußert. 

Wir bedanken uns bei den ReferentInnen sowie allen Teilnehmenden herzlich für die anregende Diskussion. 

Wir freuen uns, Sie im neuen Jahr bei weiteren Veranstaltungen der Reihe begrüßen zu dürfen. Die Veranstaltungsreihe wird betreut von der ifa-Kulturmanagerin des drb, Judith Heckenthaler. Weitere Fragen können Sie gerne an heckenthaler@ifa.de richten. 


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