Russisch Brot: spannende Geschichte und ein echtes Backerlebnis

Russisch Brot: spannende Geschichte und ein echtes Backerlebnis

St. Petersburg und Dresden verbindet eine nun 60-jährige Städtepartnerschaft, die wir bei der diesjährigen Deutschen Woche mit Sachsen als Gastbundesland feierten. Die langjährigen engen Verbindungen zwischen den beiden Städten offenbaren sich längst nicht nur auf politischer und zivilgesellschaftlicher Ebene, sondern auch kulinarisch anhand des beliebten Dresdner Gebäcks Russisch Brot. 

Auf den ersten Blick werfen die leckeren Buchstabenkekse einige Fragen auf: 

  • Wieso nennen sie sich „russisch“, obwohl sie in Dresden von der Firma Dr. Quendt hergestellt werden?
  • Wieso haben sie die Form lateinischer Buchstaben, obwohl ihr Name kyrillische Zeichen erwarten lässt? 
  • Wieso sind sie trotz ihres „russischen“ Namens in Russland weitgehend unbekannt, aber werden in Deutschland von Jung und Alt geliebt?

Die Antwort liegt darin, dass das Rezept ursprünglich aus dem Russischen Reich, genauer gesagt aus St. Petersburg stammt. Der Legende nach sollen bereits die russischen Zaren im 19. Jahrhundert die Buchstabenkekse namens „Bukvy“ (russisch für Buchstaben) gekannt und gemocht zu haben. Der Dresdner Bäckergeselle Ferdinand Wilhelm Hanke (1816 – 1880) lernte das süße Alphabet während seiner Lehrjahre in St. Petersburg kennen und brachte das Rezept 1844 mit in seine Heimatstadt Dresden. Dort eröffnete er 1845 seine „Deutsche und Russische Bäckerei“ und backte Deutschlands erste ABC-Kekse. Angeblich wegen der Herkunft des Rezepts verkaufte er die Plätzchen unter dem Namen „Russisch Brot“. Hanke gab ihnen allerdings die Form lateinischer Buchstaben – vielleicht, um sie für seine Dresdner Kundinnen und Kunden attraktiver zu machen. Heute werden die Buchstabenkekse, die in Russland leider fast niemand mehr kennt, aber in Deutschland höchst beliebt sind, in Dresden von der Firma Dr. Quendt hergestellt. 

Russisch Brot und seiner spannenden Geschichte widmete sich der Workshop „Russisch Brot – ein Klassiker aus Dresden„, den wir im Rahmen der Deutschen Woche für Jugendliche im Alter von 10 bis 16 Jahren angeboten haben. Gemeinsam begaben sich die Teilnehmenden auf die Spuren des Dresdner Gebäcks und erfuhren mehr über seine St. Petersburger Ursprünge. 

Doch mit diesem Ausflug in die Geschichte war der Workshop längst nicht zu Ende. Denn wie lässt sich eine Dresdner Spezialität besser kennenlernen als sie selbst zu backen und zu probieren? 

Die Teilnehmenden wurden selbst zu kleinen Bäckerinnen und Bäckern und stellten den Teig aus Mehl, Zucker, Ei und Kakaopulver eigenständig her. Mit Hilfe von Spritzbeuteln brachten sie ihn anschließend gekonnt in die Form lateinischer Buchstaben. 

Nach einigen Minuten Backzeit war es dann so weit: Die Teilnehmenden hielten ihr erstes eigenes Russisch Brot in den Händen. Kurz später wurde es dann aber auch schon vernascht. Das zu erwartende Fazit lautete: Es schmeckt ganz wunderbar!

Die Jugendlichen lernten nicht nur die Zubereitung und den Geschmack des eigenen Russisch Brot kennen, sondern auch des Originals der Firma Dr. Quendt in Dresden. Mit einer Audiobotschaft übermittelte uns das Team von Dr. Quendt Grüße aus Sachsen. Die Firma sendete zudem ein Video, das uns die einzelnen Schritte der Produktion von Russisch Brot erklärte. So bekamen die Teilnehmenden nach dem eigenen Backen „im Kleinen“ auch einen Einblick, wie Russisch Brot „im Großen“, industriell hergestellt wird. 

Zudem erfuhren die Jugendlichen mehr darüber, wie die Geschichte des Russisch Brot weiterging, nachdem Ferdinand Wilhelm Hanke die Rezeptur nach Dresden gebracht hatte: Im Jahr 1898 wurde Russisch Brot in Dresden erstmals industriell gefertigt. Um das Gebäck, das große Beliebtheit genoss, in noch größeren Mengen herstellen zu können, beauftragte der volkseigene Betrieb RUBRO (Russisch Brot) den Lebensmitteltechniker der Technischen Universität Dresden, Dr. Hartmut Quendt, in den 1980er Jahren mit der Entwicklung einer Dauerbackanlage für Russisch Brot. Die Anlage war gerade fertig, da kam die Wende. Der volkseigene Betrieb wurde aufgelöst und die Anlage sollte verschrottet werden. Doch Hartmut Quendt konnte die Maschine retten und in seiner 1991 gegründeten Dr. Quendt Backwaren GmbH in Betrieb nehmen. Mit dieser Anlage wird auch heute noch Russisch Brot bei der Dr. Quendt GmbH & Co. KG hergestellt.

Einige Packungen des Original Russisch Brot schickte Dr. Quendt für uns auf die lange Reise (zurück) nach St. Petersburg, wofür wir uns an dieser Stelle ganz herzlich bedanken möchten. So konnten die Jugendlichen sich auch das Original schmecken lassen. 

Alles in allem bot der Backworkshop eine spannende Reise in die deutsch-russische Geschichte einer echten Dresdner Spezialität. Für einige Teilnehmende war es auch der erste Ausflug in die Welt des Backens. Wer weiß, vielleicht gewinnt Russisch Brot in Zukunft auch in Russland wieder an Bekanntheit und Beliebtheit. 

Fotos: Anton Lukinski

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